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Die Mutter aller Zweifel (Teil 1)

Mariël Croon ist Mutter von drei Kindern, Hebamme und Schriftstellerin. Sie lebt in den Niederlanden. Vor Kurzem erschien ihr neuestes Buch: Schwanger werden - Handbuch für Menschen mit Kinderwunsch und Unentschlossene.

Die Autorin von “Schwanger werden” im Gespräch. Vieles schildert niederländische Fakten, die durchaus auf österreichische Verhältnisse umgelegt werden können.

Übersetzung von Barbara Debusschere. Redaktionelle Bearbeitung

Sie stören deine Nachtruhe, sind schlecht für deine Karriere, nehmen dir deine Freiheiten, bringen dir stinkende Windeln, verlangen mindestens achtzehn Jahre Versorgung und verändern als Pünktchen auf dem ‘i’ auch noch deine Figur.
Für deine Altersversorge brauchst du es auch nicht zu machen. Im Alter bist du ohne Kinder ohnehin finanziell besser dran.
Was gibt es also für einen Grund um Kinder in die Welt zu setzen?

"Früher gingst du heiraten und bekamst Kinder. Punkt. Aber durch die sexuelle Aufklärung, die Antibabypille und den Atheismus kam die Veränderung dieser Lebensweise", reagiert Mariel Croon.
"Natürlich ist es schön, dass wir uns heutzutage bewusst entscheiden können ob, und wann wir Mutter werden wollen, aber es bringt auch eine schwierige Entscheidung mit sich. Du triffst eine Entscheidung über etwas, das du noch nicht kennst. Natürlich kannst du dir ausdenken, wie dein Leben als Mutter aussehen soll, aber das Gefühl, die Liebe, die du für dein Kind fühlst, kennst du nicht, und so kannst du sie auch nicht in deine Entscheidung miteinbeziehen.”

Mama wird alt

Niederländische Frauen werden im Durchschnitt mit 29 Jahren Mutter. In den Siebziger-Jahren war das noch mit 24 Jahren. Eine Studie des niederländischen interdisziplinären demografischen Institut schreibt die Steigung des Alters vor allem dem gestiegenen Ausbildungsniveau zu. Frauen mit höherer Ausbildung bekommen ihr erstes Kind im Durchschnitt vier Jahre später, dann Frauen mit einem weniger hohen Ausbildungsniveau.
Teilweise resultiert dieses Ergebnis daraus, dass in den Niederlanden die Kombination der Erwerbsarbeit und Kinder zu haben nicht zur Kultur gehört und zu wenig leistbare Kinderbetreuung gewährleistet ist. Die meisten Mütter stellen darum das Kinderkriegen solange hintan, bis sie ihre Karriere aufgebaut haben, um dann nach der Geburt des Kindes noch halbtags arbeiten gehen zu können. Es scheint nicht ganz unverständlich. Die Ergebnisse des Juristen Noor Mertens, Universität Utrecht, belegen zumindest das Ergebnis. Der Stundenlohn von Frauen, die in ihren jungen Jahren ihre Karriere unterbrechen, um Mutter zu werden, ist auf der langen Linie niedriger als das der Frauen, die schon ihre Karriere aufgebaut haben und erst dann Mutter werden. Mariël sieht auch Vorteile im höheren Erstgeburtsalter: "Als Dreißigjährige besitzt du ein Haus, hast es finanziell gut und du hast auf jeden Fall einige deiner wilden Jahren hinter dir. Dadurch fällt dir die Aufgabe deiner Freiheit und das Tragen von Verantwortung für dein Kind leichter."

Zu lange warten bringt oft Traurigkeit mit sich mit

Doch hat die Alterserhöhung der werdenden Müttern nicht nur Vorteile. Untersuchungen haben ergeben, dass du als Frau mit einer normalen Fruchtbarkeit bis zu deinem Dreißigsten jeden Monat eine 20prozentige Chance hast, schwanger zu werden.
Nach deinem 35igsten ist diese Chance auf 10 Prozent gesunken. Ab deinem 38igsten hast du nur noch 5 Prozent. Je älter du wirst, umso länger lässt eine Schwangerschaft also auf sich warten. Hinzu kommt, dass in einem höherem Alter die Fehlgeburtenrate höher ist. Schwangere Frauen unter 30 Jahre erleiden nur in 10 Prozent der Fälle eine Fehlgeburt.
Bei späten Dreißigern enden 20 Prozent der Schwangerschaften in einer Fehlgeburt und bei jungen Vierzigern sind es bereits 35 Prozent.
Mariël: "Die Möglichkeit, eine Scwangerschaft zu planen, bringt also auch Risken mit sich. Wenn du die Entscheidung vor dir herschiebst und darin stecken bleibst, kann es sein, dass es für dich zu spät ist, wenn du schwanger werden möchtest. Denk also beizeiten gut über deine Entscheidung nach. Auch wenn sich Fruchtbarkeitsprobleme vortun, ist es gut, wenn du noch ein paar Jahre vor dir hast.
Dann kann dir womöglich noch geholfen werden. Wenn man spät beginnt, Kinder zu bekommen, kann es auch sein, dass es aus einem ganz einfachen Grund gezwungenermaßen bei einem Kind bleibt: Es gelingt nicht mehr, schwanger zu werden."
Schätzungen vom Büro für Statistik haben ergeben, das 20 Prozent der heutigen Generation kinderlos bleiben - sowohl gewollt als ungewollt - durch Fruchtbarkeitsprobleme, aus Mangel, einen geeigneten Partner zu finden oder durch zu langes Warten.
Ist das schlimm?
"Natürlich ist es ein prima Entschluss, wenn du dich nicht für die Mutterschaft entscheidest", antwortet Mariël. "Kinder sind absolut nicht die einzige Erfüllung. Wenn es mal eine gut abgewogene Entscheidung ist, ohne Kinder zu leben. Denn, ungewollt kinderlos zu sein kann ganz viel Traurigkeit mit sich mitbringen."

Im Zweifelsfalle: Tun!

Aber wie weißt du, ob du Mutter werden willst? Muss man darauf warten bis das ‘Kribbeln’ kommt? "Nein! Bloss nicht!," sagt Mariël. "Es ist viel zu gefährlich, nur darauf zu warten. Persönlich finde ich, dass man sich im Zweifelsfalle für ein Kind entscheiden sollte. Die Liebe, die du für dein Kind fühlen wirst, wenn es einmal geboren ist, sorgt danach eigentlich von selbst für das Muttergefühl.
Wichtig ist, dass du in einer guten Umgebung lebst, damit du dein Kind sorgen kannst. Das bedeutet nicht nur finanzielle Versorgung. Auch wenn du keinen Partner hast, musst du Menschen, Freunde um dich haben, die dir beistehen können."
Sie unterstreicht, dass es eine bewusste Entscheidung sein muss, keine Kinder haben zu wollen und dass man dabei auch ganz sicher sein sollte - auch dann, wenn später beinahe alle Bekannte und Freunde in Deiner Umgebung Kinder und später Kleinkinder haben. Auch dann, wenn du als Vierziger in einer ruhigeren Lebenspfase bist und eigentlich genug Ruhe und Zeit  für ein Kind hättest. Denn dann, ist es zu spät."

Du willst - er nicht

Was machst du, wenn du ganz stark nach einem Kind verlangst, aber dein Partner (noch) keine Lust hat?
"Männer haben die Neigung, die Elternschaft länger hinauszuzögern",sagt Mariël.
"Wahrscheinlich kommt das daher, weil sie länger fruchtbar sind. Frauen wissen, dass die Fruchtbarkeit ab einem bestimmten Alter abnimmt. Sie hören die biologische Uhr lauter ticken." Weiterhin ergeben Untersuchungen des niederländischen Elternrates, dass die Frau sich zuerst ein Kind wünscht. Nachdem sie den Wunsch ausgesprochen hat, folgt eine Periode der Überlegung. Das Ausbildungsniveau und die persönliche Haltung gegenüber der Elternschaft entscheiden danach, wie lange es letztendlich dauert, bis ein Kind kommt.

Schließen sich beide Partner Denkweise der Rollenverteilung “der Mann ist der Geldverdiener, die Frau dient als Mutter für die Kinder” nicht an, kann der Prozess länger dauern. Paare die traditionell eingestellt sind und Paare mit einer Glaubenseinstellung warten nicht so lange mit ihrem Kinderwunsch.

"Meistens  ändert der Mann doch noch seine Meinung und es wird ein Kind geboren", sagt Mariël. "Aber manchmal ist der Gegensatz so groß, dass eine Scheidung unvermeidlich wird. Es ist also wichtig, seinen Kinderwunsch in einem frühen Stadium miteinander zu besprechen. Bleibt dein Partner bei seinem Entschluss, mach deinen eigenen Plan.
Oder kannst du  es akzeptieren, dass du ohne Kinder bleiben wirst und kannst du deinem Leben dann einen anderen Wert zuschreiben?
Vielleicht ist dein Kinderwunsch auch so stark, dass du nicht anders kannst als deinen eigenen Weg zu gehen, um doch Mutter zu werden.
Akzeptierst du aufgrund der Entscheidung deines Partners, dass du ohne Kinder leben wirst?  Sei darauf vorbereitet, dass eine Partnerschaft zerbrechen kann. Dann stehst du am Ende deines Lebens ohne Kinder und ohne Partner da. Kannst du dann mit diesem Gegebenen leben? Bleibt Ihr zusammen auch wenn dein Kinderwunsch unerfüllt bleibt? Es könnte als eine Barriere zwischen euch stehen bleiben. Versuche, deine eigene Position zu finden und verbinde dich mit deren Konsequenzen."

Kinderlos

In Holland herrscht eine Familienkultur. Von Ehepartnern, die fünfzehn Jahre lange zusammen sind, sind weniger als 10 Prozent gewollt oder ungewollt ohne Kinder. Alles ist auf Familien mit Kindern eingestellt. Wenn du dich für ein kinderloses Leben entscheidest, wirst du regelmäßig gefragt, warum du keine Kinder hast.

Das ist der Grund, warum Maven vor drei Jahren ihre Website  www.kindervrij.nl gestartet hat. Die Botschaft: Nicht alle Frauen und Männer möchten Kinder und das ist nicht komisch, sondern eine persönliche Entscheidung. Sie führte auf ihrer Homepage den Begriff ‘kinderfrei’ ein. "Hiermit will ich den Unterschied zwischen ‘kinderlos sein’ und ‘kinderfrei sein’ deutlich machen, spricht Mave. "Das Word ‘kinderlos’ klingt so, als ob du etwas vermissen würdest. Viele Menschen, die sich bewusst für ein Leben ohne (eigene) Kinder entschlossen haben, bevorzugen den Begriff ‘kinderfrei’ zu sein. Dieses Wort betont den positiven Aspekt des Lebens ohne Kinder - die Freiheit. Außerdem ldrückt es aus, dass du gewollt kinderfrei bist. Dieser Unterschied ist wichtig. Es gibt immerhin auch Menschen, die ungewollt kinderlos sind, die eine ganze Menge dafür tun würden, um Kinder zu bekommen."

Mariel: "Dieser Unterschied ist wirklich wichtig. Vor allem, weil es mit einem Tabu belegt ist, unfruchtbar zu sein. Viele Männer und Frauen sehen das doch als ein Scheitern an und sprechen deshalb in ihrer Umgebung nicht über ihre Unfruchtbarkeit. In der Folge müssen sie oft peinliche Fragen von Menschen, die meinen sich mit jemandes Entscheidung beschäftigen zu müssen, beantworten: ‘Willst du denn keine Kinder?’ oder ‘Kribbelt es noch nicht ?’

Genauso finde ich es unsinnig, jemandes Entscheidung, keine Kinder haben zu wollen, als egoistisch anzusehen. Die Entscheidung im  Bezug auf Kinder ist immer egoistisch. Niemand bringt ein Kind auf die Welt, weil sie es selber nicht will, sondern weil sie so eine fantastische Mutter ist, oder? Das wäre eine gewaltige Überschätzung von dir selber! Jeder muss seinen eigenen Weg im Leben finden und da gehört die Entscheidung für oder gegen ein Kind dazu. Jemand anders kann und braucht sich dann damit auch nicht zu bemühen.”

 Die Mutter aller Zweifel, Teil 2
 Schwanger werden, Handbuch von M. Croon



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